Ich habe grade wiedermal eine Zusammenfassung des letzten Jahres an mir vorüberziehen lassen – bei so viel Flaute in der Flimmerkiste kann man nicht von „ansehen“ sprechen – und da kam ganz selbstverständlich das Zitat des Bundespräsidenten Wulf über die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland drin vor. Ich hatte das erste meiner beiden Ohren noch nicht ganz offen, da musste ich als Kommentar von einem glücklichen Protestanten hören, dass der Islam aufgrund seiner zahlreichen Vertreter zwar einen reellen Stellenwert in Deutschland habe, ja doch aber keinesfalls dazu gehöre!
Das klang wie bei einem schlechten Kochrezept und jagte mir einen Schauer über den Rücken: Hatte diese Person tatsächlich von „dazugehören“ gesprochen? Vielleicht hatte ich mich ja verhört, aber so viel Naivität im Fernsehen wundert mich schon lange nicht mehr. Nur ums klarzustellen: Die Gestaltung dieses Landes will ich weder Gärtnern noch von Köchen überlassen!
Es gibt beim Thema „dazugehören“ vielleicht zwei wichtige Ansätze, die man kennen und unterscheiden können sollte. Beide zielen auf das mehr oder minder aktive Gestalten des Staates ab und halte ich für sehr gefährlich. Den Ansatz mit dem Gärtnern hat Deutschland einst mit sehr großem Elan und überragenden Erfolg betrieben. Es geht dabei darum, dass der Staat sich einem Gärtner gleich aussucht welches Kraut; welche Blume, Büsche, Bäume und Tiere, in seinem Garten aufhalten dürfen und welche nicht. Ganz Herr der Lage, kultiviert er das eine und rottet das andere aus. Das Problem ist nur, dass der Deutsche Garten vor ca. 70 Jahren nicht jedermanns Geschmack war, vor allem nicht jener die dem „Unkraut-Ex“ zum Opfer fielen bzw. deren Angehörigen. Dies führte seinerzeit zu Verhandlungen über die gestalterischen Freiheiten von Staatsgärtnern, welche aufgrund ihrer großen Beliebtheit bis heute in unvernünftiger Regelmäßigkeit ein ums andere Mal neu Inszeniert werden. Und auch wenn’s zynisch ist, so bleibt doch der Schluss, dass der Holocaust ein „Running Gag“ der Geschichte ist, den wir einer gewissen Unbelehrbarkeit der Menschen verdanken – man kann sich ja nicht immer für alles interessieren.
Der zweite Ansatz – der des Kochs – ist ein ähnlicher. Es ist genau dieser Ansatz dessen dieser theologisch aufgeklärte Protestant sich zwischen den Zeilen bediente: In eine bestimmte Speise gehören einfach bestimmte Sachen rein und andere eben nicht. Eine Schwarzwälder Kirschtorte besteht aus Sahne, Kirschen, Kirschwasser und mehrere Schokoladenbiskuitböden. Man kann das Mischungsverhältnis leicht ändern oder was ergänzen, aber weglassen oder völlig umzugestalten ist tabu! Was wäre beispielsweise eine Torte mit mehr Kirschen als Biskuit? Allenfalls ein Fruchtdessert mit Schoko und Sahne, aber keine Torte! Rezepte sind was das angeht wie Eisenstangen: Man kann sie biegen, um daraus was Schönes zu fertigen, aber man muss gewaltig aufpassen, dass man sie nicht zerbricht.
Was passiert nun also mit dem Rezept, wenn man es ändern muss? – Wenn man also gezwungen wird, die Stange soweit zu verbiegen, dass sie bersten muss?? Was passiert wenn im Zeitalter dynamisch globalisierter Businessmen und -Women die kleinen Sünden aus der Mode geraten? Wenn süße Schokolade, fettige Sahne und der Geist aus der Flasche dem Zeitgeist weichen müssen? Dann kann man entweder sein Rezept anpassen oder – weil Diätschokolade und fettreduzierte Sahne auch mit Alkohol keinen Geschmack mehr entwickeln – das Projekt in die Vergessenheit entlassen. Bye-bye Schwarzwälder Kirschtorte, war lecker mit dir.
Sehen Sie lieber Leser, der Grund warum mich diese Debatte so frustriert, ist, dass die Personen, die sie führen, scheinbar vergessen haben, warum Köche und Gärtner dieses Land und sein Leute bereits einmal in den Abgrund reisen konnten. Es hat lange gedauert, bis Deutschland sich wieder nach oben ziehen konnte, und jetzt, wo es wieder über den Klippenrand schielen kann, stehen ihm diese Scharlatane auf den Fingern und fragen: „Kann ich helfen? – Hunger? – Willst’e Blume kaufe‘?“
Aber warum mache ich mir die Mühe, das alles über den Umweg mit dem Gärtner zu beschreiben? Weil man einen Garten – genauso wie ein Kochrezept – auch nach Vorschrift gestalten kann. Hätte das dritte Reich länger als eine Generation überlebt, dann hätten die Leute angefangen den Garten-Deutschland nach jenem zeitgenössischem Kochbuch zu bestellen, das ihnen ihr Führer hinterlassen hatte. Denn jedes Rezept ist eine Doktrin: Es definiert was ist, was soll und was nicht. Es sortiert die guten von den schlechten Früchten und sagt welche wohin gehören. Kochrezepte sind die Übersteigerung des Holocaust auf eine der trivialsten Kleinigkeit unseres täglichen Lebens: Essen.
Die Wahrheit ist, dass Deutschland keine Torte ist: Man backt dieses Land nicht aus Christen und einer Prise Juden; dem Mittelstand und einer Handvoll gut ausgebildeter Akademiker. Wer das behauptet oder auch nur andeutet, der bereitet jenen den Weg, die das Unkraut-Ex wieder an Menschen statt an Pflanzen anwenden wollen. Deutschland ist auch kein Garten, zumindest keiner der einen Gärtner brauchen sollte. Wenn sich hier Muslime ansiedeln wollen, dann sollen sie das dürfen! Sie sollen sich beteiligen, einbringen und äußern können. Und ich ermuntere jeden den ich treffe, das auch zu tun – auch unbequem wenn’s sein muss. Denn nur wenn wir kommunizieren – uns miteinander austauschen – und als Resultat daraus zwangsläufig in Konflikte geraten aber ebenso zwangsläufig aufeinander abfärben; nur dann können wir eine Gesellschaft bilden.
Denn Kochrezepte sind nicht nur wie Eisenstangen oder der Holocaust, sondern auch wie Monokulturen: Sie sind anfällig für Veränderungen und geraten dann schnell aus der Mode.